Märchen-Welt von Sarah Berchtold

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Drei Brüder

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Drei Brüder – der Älteste

Es lebten mal drei Brüder,
an einem schönen Ort.
Doch trotz des heitern Lebens,
zog es die Brüder fort.

Der Ält’ste war ein Riese,
ein Baum mehr als ein Mann.
„Was soll mir schon passieren,
an mich kommt keiner ran.“

So ging er seines Weges,
die Berge hoch hinauf,
und abwärts in die Täler,
in lang gestrecktem Lauf.

Am Abend müde rastend,
entfachte er ein Feuer.
Im Lande weit zu sehen,
kam ihn die Wärme teuer.

Ein Haufen wilder Räuber,
im Walde lebend Schar,
rasch auf der Pirsch zur Beute,
als sie dem Licht gewahr.

Sie schlichen sich im Stillen,
durchs Waldgestrüpp heran.
Rund um das Lagerfeuer,
im Kreise Mann um Mann.

Dann schallte es im Walde,
von vielen Männerkehlen,
„Attacke meine Brüder!
Heut beuten wir Juwelen!“

Der Bruder friedlich schlafend,
aus seinem Traum geweckt,
inmitten lauter Räuber,
zu Tode fast erschreckt!

„Gib uns den Reichtum her!
Sonst zahlst du mit dem Leben!
Entscheide dich ganz schnell,
viel Zeit ist nicht gegeben.“

Der Bruder war ein armer Schlucker,
mit nichts als seinen Kleidern.
Was sollte er den Räubern geben,
als Preis für wertvoll Leib und Leben?

„An Reichtum hab ich nichts zu bieten,
doch Stärke baumesgleich.
Mit mir als Räuberkommandanten,
seid ihr in Kürze reich!“

Da grummelten die Männer,
in ihren Bart hinein,
und schliesslich sagte einer:
„Na gut, so soll es sein!“

 

Drei Brüder – der Mittlere

An einem schönen Tage,
der März war kaum vorbei,
entschloss der zweite Bruder,
dass Zeit zum Reisen sei.

So zog er guten Mutes,
den Weg der Ferne zu,
und pfiff ein fröhlich‘ Liedchen,
in aller Seelenruh.

Ihm war ganz froh ums Herzen,
so schön der Sonnentag,
sodass zur Abendstunde,
die Heimat weit schon lag.

„Zum wilden Eber“ prangte,
am Wegesrand ein Schild,
just als ihn nichts als Zufall,
mehr auf den Beinen hielt.

Das schönste Zimmer war es nicht,
doch wohnlich anzusehen.
Ein Bett, ein Schrank, ein wenig Licht,
Was sollte mehr noch stehen?

Der Schlaf fiel leise über ihn,
kaum lag er wohl im Bett.
Er hörte nicht die rauen Stimmen,
flüsternd am Fensterbrett.

„Er mag von aussen scheinen,
als armer Vagabund,
doch glaubt mir meine Brüder,
sein Bündel ist gar rund!“

Und hätt er wach gelegen,
hätt er das Seil gesehen,
und Männer sich bewegen,
ihm an sein Geld zu gehen.

Wie sie das Bündel klaubten,
die gierig‘ Nase streckten,
und ihrem Aug nicht trauten,
als leer sie es erblickten.

Mit nichts als leeren Händen,
das war nicht vorzustellen!
Ein Trick, dass sie nichts fänden,
vom schlafenden Gesellen!

Voll Wut ergriff der erste Räuber,
den Bruder an den Armen.
„Zu hilf! Ihr wilde Räuberbande!
So habt mit mir Erbarmen!“

„Die Stimme!“, rief der Hauptmann laut,
„Ich kenn sie gar im Schlafe!
Nur Brüder klingen so vertraut!
Oh, dass mich einer strafe!“

Im Weinen stürzt er sich herab,
sie hielten sich umschlungen.
„Verzeih mein Bruderherz es mir,
dass ich dich so geschwungen!“

„Willst du, mein armer Vagabund,
als Räuber dich versuchen?
Dein Bündel füllt sich kugelrund,
das kann ich dir versprechen!“

Es zog den Bruder nach dem Schrecken,
zum Abenteuer hin.
So konnte er die Welt entdecken,
im brüderlich Gespann.

 

Drei Brüder – der Jüngste

Dem letzten unsrer dreien,
war es Zuhaus zu leer,
so ohne seine Brüder,
fiel heiter Sein ihm schwer.

Ihm waren alle Tage,
so träg wie grauer Stein,
drum kam’s nicht mehr in Frage,
allein im Haus zu sein.

Es zog ihn auf die Strasse,
weit fort vom Heimathaus,
entlang dem Abenteuer,
fern in die Welt hinaus.

Den Stock zur rechten Hand,
das Bündel in der Linken,
„Adieu mein Heimatland,
ich will noch kurz dir winken.“

Im stillen Abendlicht,
kam er zu einem See,
da schien die Rast ihm Pflicht,
das Schuhwerk tat so weh.

Die Füsse ohne Socken,
ins kühle Nass getaucht,
am See, so konnt‘ er hocken,
schnell war der Schmerz verraucht.

Nun war am selben Platze,
ein anderer Wandersmann.
Zum Gruss mit einem Satze,
trat er an ihn heran.

„Jetzt lässt’s sich‘s wieder rasten,
wo’s Wanderherz beliebt.
Nicht mehr in Eile hasten,
wer Leib und Leben liebt.

Dem Herr sei Dank,
sind sie gefangen!
Vor Sorg fast krank,
wie musst‘ ich bangen.“

Dem Bruder war dies einerlei,
ihn zog es nur zu Bett.
Die Augen schwer wie Zentner Blei,
schlief er schnell wie ein Brett.

Der neue Tag war kaum erblüht,
erweckte ihn ein Duft,
ein Feuer, Kaffee schon gebrüht,
fein lockend in der Luft.

„Was seh‘ ich da, Herr Wandersmann,
so früh schon auf den Beinen?
Ein Käffchen muss wohl schnell heran,
zum Wecken würd ich meinen!“

Und wiederum begann der Zweite,
von ihrem Glück zu schwärmen,
wie viel Vergnügen es bereite,
gemütlich Kaffee zu erwärmen.

Von einer Bande ward berichtet,
mit einem Hauptmann baumesgleich,
im Walde nah der Stadt gesichtet,
bei manchem grausgen Gaunerstreich.

„Ein Mann dem Baume ähnlich gross,
dann kann es nur mein Bruder sein!
Doch was schafft er mit Räubern bloss,
er hat mit Gaunern nichts gemein!“

Entschlossen dazu, ihn zu retten,
sprang er rasch auf die Beine.
Zeit, sie weich in Gras zu betten,
hatt‘ er jetzt wirklich keine!

Den folgend Tag in stiller Hast,
lief er durch Berg und Tal,
die Nacht in kurzem Schlaf die Rast,
am Morgen rasch ein Mahl.

Am dritten Tag von Weitem dann,
die Schatten hoher Zinnen,
so dass er neuen Mut gewann,
kurz vor dem Kräfterinnen.

Die Stadt ein sonderbarer Ort,
wie nie zuvor erblickt,
die Menschen gingen fort und fort,
von Menge fast erstickt.

Ein Markt mit bunten Ständen,
Gewürzen, Tuch und Tier,
Geldbörsen in den Händen,
und Augen voller Gier.

„Die Welt ist voller Arten,
von Menschen und Getier,
verwirrend viele Sorten,
in bunter Masse hier.“

Im heiteren Gemenge,
von Stimmen lautem Meer,
bedrängt in Körperenge,
fiel ihm das Atmen schwer.

Da wurd‘s dem Bruder bang,
so floh er in die Gass,
der Häuserwand entlang,
vom Schrecken leichenblass.

In dieser dunkeln Gegend,
fuhr still ein Karren hin,
vier Männer fort bewegend,
in Gitterstäben drin.

„Wo führt euch hin Kumpanen,
der Gitterstangen-Wagen?
Zwar kann ich es erahnen-
euch geht’s bald an den Kragen!“

Die armen Lumpen blickten,
ihn trotzig schweigend an,
nicht mal die Lider zuckten,
bei einem einzig Mann.

„Dem Karren muss ich hinterher,
er führt hinein ins Loch,
so einfach wird es nimmermehr,
wie listig bin ich doch!“

Im Dunkeln roch es modrig,
nach altem Moos und Stein,
der Boden nass und glitschig,
als flöss der Regen ein.

Versteckt im Mauerschatten,
ganz mäuschenstill verharrt,
zusammen mit drei Ratten,
war Brüderlein erstarrt.

In einer dieser Zellen,
sah er den Bruder stehen,
zusammen mit Gesellen,
die grausam anzusehen.

Doch war da noch ein anderer Dieb,
dem Auge so vertraut,
dass es dem Bruder Tränen trieb,
nur einmal kurz geschaut.

„Die Brüder beide hier gefangen?
Wie kann das nur passieren?
Den Schlüssel gilt es zu erlangen,
und Zeit nicht zu verlieren!“

Der Wächter schlief am Gangesende,
was für ein leichtes Spiel!
Ihm stahl den Schlüssel er behände,
so dass er nicht zu Boden fiel.

Nun endlich durfte er sich zeigen,
den Brüdern voller Glück,
es war ein wahrer Freudenreigen,
doch still nur mittels Blick.

Sie rannten wendig wie der Wind,
der frischen Luft entgegen,
aus Mauer, Menge, Stadt geschwind,
zur Heimat fern gelegen.

Dort lebten sie in Einigkeit,
zu dritt als frohe Bauern,
und nichts liess sie zu keiner Zeit,
die Rückkehr je Bedauern.

Der Geckreck

Geck-streck-reck!
Bleibt in seiner Höhle sitzen,
streckt Kopf und Krallen raus,
bis hin in alle Ritzen,
und zieht dich in sein Haus!

Haarbrummig, fellknurrig,
bärtatzig, borstenkratzig,
kleinäugig, bierbäuchig,
graugarstiger Geckreck.

Schläft in seinem Höhlenhaus,
wenn die Sonne lacht,
streckt die Tatzenkrallen raus,
beim ersten Blick der Nacht.

An grausig langen Krallen,
zieht er sich heraus,
streckt und lässt sich fallen,
oh es ist ein Graus!

Kriecht ohne Laut und reckt sich lang,
ein garstig schwarzer Schatten,
gefährlich durch die Nacht voran,
vorbei an stillen Matten.

Schattenschartig, lieblosleid,
streckt sich bis zur Stadt,
Kohldampf wütend Hungerneid,
der ihn getrieben hat.

Geck-streck-reck
Knarrt holzig es gesungen,
Geckreck-Schreck,
hält er die Stadt umschlungen.

„Oh weh“, so rufen alle Leute,
„es ist der Geckreck-Schreck!“
Aus friedlich Schlaf zu seiner Beute,
wenn sich der Geckreck streckt.

Sie rennen alle hin und her,
im Klauenkreis herinnen,
das Wesen klammert all zu sehr,
da gibt es kein Entrinnen.

Die Menschen ohne Plan ganz bang –
da streicht ein mutig Kind,
dem Geckreck mit der Hand entlang,
und fragt: “Sag bist du blind?“

Donnerrollen, Brummigrollen,
heiser Seufzerhauch,
lässt Geckreck seine Arme fallen,
und legt sich auf den Bauch.

Knarzig harzig holzig Kehle,
weint kindlich vor sich hin.
„Es hat noch keine Menschenseele,
gefragt warum ich bin.“

„Geckreck-streck-versteck.
Das Licht hat blind gemacht.
Dem blinden Geckreck Blick,
hat es nur Angst gebracht.“

„In meinem wohlig Höhlenhaus,
fand ich die Dunkelheit,
streckt in der Nacht nur zaghaft raus,
mich einen Finger breit.“

„Wie doch der hohle Hunger sticht,
er brachte mich zum Strecken.
Doch traute ganz zu gehn ich nicht,
aus Angst weh anzuecken.“

„Ich streckte lang die Arme aus,
in Not und Hungerfrust,
dass ich euch scheine wie ein Graus,
das war mir nicht bewusst.“

„Auch wollt ich euch nicht fressen,
und fasste nur die Stadt,
aus Angst sonst zu vergessen,
wo sie gelegen hat.“

„In meiner Sprache klingen,
die Worte borstig braun,
nichts konnten sie mir bringen,
den Panik, Angst und Grauen.“

So liegt das Untier blickbedacht,
mit allen Gliedern platt,
gestreckt entlang der dunklen Nacht,
und atmet nur noch platt.

„Nun hat“, meint eine laute Stimme,
„dein Überfall auch Gutes.
Vorüber ist das wirklich Schlimme,
sei ruhig frohen Mutes.“

Gurglig, grausig, brummig, kratzig,
scharrend, knarrend, krallentatzig,
als zagend zimtig Sonnenlicht,
in Ferne über Firste bricht.

Geckreck reckt- Geckreck streckt.
Der Tag so lichtbetrunken,
hat ihn, der er sich nur versteckt,
aus seinem Haus hinaus gewunken.

So blieb er blind im Blick,
doch voller Sicht im Herz,
nie kehrte er ins Haus zurück,
aus Furcht vor Lichterschmerz.

Geckreck

 

 

 

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